Social Media Plattformen sind vollkommen künstliche Konstrukte.
Sie erzeugen auf künstliche Weise Gefühle von Verbundenheit und Ablehnung- durch Zustimmung oder Kritik anderer.
Und basieren auf unserem Widerstand und/oder unserem Unvermögen, uns selbst auszuhalten und gar unsere eigene Gesellschaft zu genießen und dem verzweifelten Wunsch jedes inneren Kindes: Anerkennung für das, was wir sind.
Gesehen werden.
Und die Bestätigung von offizieller (Social Media) Seite, dass du gut bist, wie du bist.
Für alle Augen ersichtlich.
Wir sehen winzige Fragmente von Menschen, die sich nach Belieben präsentieren und basteln ein Bild daraus.
Und dieses Bild hat wenig bis nichts mit den wirklichen Menschen dahinter zu tun.
Zum einen, weil der Mensch in den allermeisten Fällen selbst ein höchst unvollständiges und einseitiges Bild von sich hat und wiedergibt und zum anderen weil es sich eben nur um ein Fragment handelt.
Wir finden jemanden toll, weil er ebenfalls Katzenliebhaber ist, denselben Humor hat, gutaussehend ist oder etwas schreibt, mit dem wir daccord sind.
Fühlen Verbundenheit, die in Wahrheit überhaupt nicht existiert- weil wir überhaupt NICHTS über diesen Menschen wirklich wissen, ihm oder ihr nie begegnet sind und keinerlei wirkliche Verbundenheit durch kennenlernen, Nähe, beobachten, den Wunsch, zu verstehen etc existiert.
Social Media überspringt diesen Schritt einfach und lädt dazu ein, so zu tun, als kenne man jemanden aufgrund der Texte oder Bilder, die er oder sie postet.
Und weil das Ganze so ein unnatürliches und künstliches Konstrukt ist, reicht auch ein „falscher“ Satz, eine „verkehrte“ Vorliebe oder die falsche Partei, und schon entledigen wir uns der „falschen“ Freunde, die nie welche waren und die damit total danebenliegen.
Das Lustige- oder besser gesagt traurige- ist dabei, dass es exakt widerspiegelt, wie Egos „Beziehungen“ eingehen: Es überhäuft den anderen mit Bestätigung, Anerkennung und Unterstützung jeglicher Art- endlich ist da (wieder) jemand, der all meine Siehmichsüchte erfüllt- aber sobald wir durch dieselbe Person mit unseren Widerständen, Verurteilungen und unangenehmen Gefühlen konfrontiert werden, ist Schluß mit rosa Glitzer und „grenzenloser Liebe“:
da zeigt das Ego sein wahres Gesicht.
Macht „Schluß“ per WhatsApp, zieht bis an die Zähne bewaffnet verbal oder gar real in den Krieg, zündet das Podest an, verbrennt den selbstgebastelten Heiligenschein und/oder verabschiedet sich auf Nimmerwiedersehen.
Finsterstes Mittelalter.
Wir sind heute genauso verlogen, heuchlerisch, grausam und entfremdet, wie wir es immer schon waren.
Und wir sind heute genauso gütig, liebevoll, wertschätzend und einander unterstützend, wie wir es immer schon waren.
Vorhin habe ich meiner Schatzine geschrieben:
Ich glaub, man trifft die meisten Menschen überhaupt nur, um zu kapieren, dass man sich mit den meisten Menschen gar nicht treffen will.
Und um zu verstehen, dass man eigentlich sich selbst treffen will.
Endlich.
Und wenn man das realisiert hat, trifft man plötzlich überall wunderbare Menschen.
Wenn jemand wirklich in deinem Herzen wohnt, existiert die bescheuerte Idee überhaupt nicht, jemanden „fallen zu lassen“ oder sich abzuwenden wegen irgendeinem lächerlichen Scheiß.
Ego-Scheiße hoch zehn.
Menschen, denen ihr (empörtes) Ego so viel wichtiger ist, als ihr (mit)fühlendes Herz, trifft man solange- real und erst recht virtuell- bis man endlich lernt, die eigene Gesellschaft als höchstes Gut und die Befindlichkeit seines inneres Kindes als oberste Priorität einzustufen.
Und gleichzeitig sind Social Media Plattformen wie das Gesichtsbuch eine ganz wunderbare Gelegenheit, genau hinzusehen, was es mit uns macht, wenn Menschen, mit denen wir exakt null zu tun haben, denen wir nie begegnet sind und es aller Wahrscheinlichkeit nach auch nie werden, sich entfreunden, uns blockieren oder dämliche (belehrende, kritisierende oder „aufklärende“) messages schreiben.
Nämlich hoffentlich überhaupt nichts.
Und wenn doch: Dankesehr!
Dass du mir auf einfachste und unkomplizierteste Weise aufzeigst, wo ich unfrei bin.
Wo ich in einer Welt künstlich konstruierter Wegwerf-„Freundschaften“ munter und ungeniert all meine verdrängte Sehnsucht suche, all meine Ideale, Werte und Meinungen in zufriedener Selbstgerechtigkeit herausposaune und jene niedermähe und „aufkläre“, die damit nicht konform gehen.
Nur: nichts davon ist echt.
Echt ist das, was übrig bleibt, wenn wir das Handy weglegen.
Den Laptop zuklappen.
Uns begegnen.
Hab den Mut, Mensch zu sein:
Halt fucking nochmal einmal deine Fresse und behalts für dich, statt es über anderen auszukippen.
Bleib bei dir statt bei dem, was xyz über irgendwas kommentiert hat.
Und bei dem, was das eisige Schweigen deiner Liebsten mit dir macht.
Die Zurückweisung.
Einsamkeit.
Der brennende Wunsch nach Verbindung, der dich wieder und wieder auf Tinder, FB oder sontwohin treibt.
Die Enttäuschung, wenn du wieder mal auf die angebliche „Liebe“ eines anderen hereingefallen bist, die soviel versprach und nichts davon gehalten hat.
Geh fuck nochmal zu deiner einsamen Nachbarin und trink mit ihr einen Tee.
Sag den Menschen, die wirklich DA sind, wie sehr du sie liebst und schätzt.
Schreib einen Brief und schütte dein Herz darin aus.
Teil, was dich berührt, in echt und wenn es dich ruft, auch virtuell.
So wie es die liebe Margarete so wunderschön ausdrückte:
das Leben in Worten hineinlieben.
Mitten in die künstliche Fake Welt.
Rede mit ECHTEN Menschen, mit denen, die dir in deinem Alltag begegnen.
Zeig deine Freude- und wenn’s nur über ein koralle-weiß gestreiftes Second-Hand-Shirt mit Glitzer ist- aber BITTE verschon die Welt mit deinem selbstgerechten Zorn und deiner Empörung über jeden Scheiß oder über Menschen, die absichtlich oder unabsichtlich provozieren (müssen).
Davon gibts schon mehr als genug.
Das Schönste aber ist:
Die, die wirklich zuhören, finden sich.
Über alle Absurdität und jeden Fake hinweg.
Und genau deshalb bin ich noch da.
Und auch, weil ich schreiben muss und will.
Nur für mich.
Und dazwischen ganz oft ganz viel:
SENDEPAUSE.
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