„SCHEISSEEEEEEEE……..“, schreie ich- und im nächsten Moment krache ich mit dem Gatschhupfer von Sohnemann an unsere Hauswand: sein Motorrad/Moped, mit dem er vor zwei Tagen einen Unfall hatte, sich in der Kurve hingelegt und dabei das Handgelenk gebrochen hat.
Aber der Reihe nach:
Ich mache mich auf zu einem gemütlichen Spaziergang, um besagtes Objekt in die heimatliche Garage zurückzufahren. Es steht etwa eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt im Wald am Straßenrand, leicht demoliert und mit abgebrochenem Bremshebel.
Unterwegs spaziere ich durch die Ortschaft oberhalb unseres Hauses und begegne der Dorfkatze, die irgendwie bevorzugt in der einzigen scharfen und von der einen Seite komplett uneinsichtigen Kurve des Ortes lebt.
Wie ich kürzlich erst erfahren hab wegen des Gullideckels.
Schon mindestens 5mal hätte ich sie beinahe überfahren, weil dieses doofe Vieh irgendwie den Überlebensinstinkt von drei Metern Feldweg hat.
Und ich fahr LANGSAM.
Weil ich weiß dass sie da ist.
Aber diese Katze LIEGT BEVORZUGT MITTEN AUF DER STRASSE AUF DEM WARMEN GULLI-DECKEL, WEIL DER SCHWARZ IST, DIREKT HINTER DER ERWÄHNTEN KURVE.
Und sie steht nicht etwa auf, wenn ein Auto kommt- nein, sie bleibt LIEGEN.
Ihre Hoheit erwartet tatsächlich, dass man halb auf dem Berg um sie herumfährt oder gefälligst aussteigt und sie auf die Seite trägt, was sie mit zufriedenem Schnurren quittiert.
Sobald man sich umdreht, um wieder einzusteigen und weiterzufahren, läuft sie einem jedoch nach und SCHMUST DIE REIFEN DES LAUFENDEN AUTOS AB.
Es ist mir absolut unerklärlich, wie sie bis jetzt überlebt hat.
Ich kniee mich also hin und streichle sie nach allerbester Katzen-Liebhaber Manier: kraulen unterm Kinn, am Hals, am Schwanzansatz- volles Programm.
Madame schmeißt sich voller Genuß auf den Boden vor mich und empfängt generös die ihr zustehende Huldigung.
Ich überlege: vielleicht ist sie ja taub?
Blind?
Das würde die Sache mit den Autos erklären.
Meine eigenen Katzen hatten und haben alle eine durch und durch gesunde Furcht vor allem, was einen Motor hat oder laut ist.
Und das obwohl sie IM Auto mit mir durch halb Europa gefahren sind und darin gewohnt haben.
Aber diese Mieze…
Ein lautes Knattern ertönt und ich weiß, ein Traktor wird gleich um die Kurve biegen.
Madame jedoch liegt seelenruhig auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt.
Es wird noch lauter, da kommt offensichtlich noch was größeres als ein Traktor hintendrein.
Und richtig- der Traktor tuckert ums Eck, gefolgt von einem riesigen Mähdrescher mit Reifen so hoch wie ein kleines Haus.
Madame wirft einen kurzen, desinteressierten Blick auf die Kolonne und schnurrt weiter.
Himmel Herrgott!
Ich trete instinktiv einen Schritt zurück- wer will schon Reifen in 30cm Entfernung an seinem Gesicht vorbeirollen sehen.
Sie schon.
Blind.
UND taub.
Die einzig sinnvolle Erklärung.
Die Kolonne ist vorbeigefahren, es ist wieder ruhig auf der Straße, kein Lüftchen weht und es ist so schwül, dass ich schon sehnsüchtig auf das angekündigte Gewitter warte.
Während ich überlege, ob ich die dem Untergang geweihte Dorfkatze entführe und sie bei mir zuhause in Sicherheit bringe, läuft mir nichts dir nichts ein winziges, possierliches Wiesel gemächlich über die Straße.
In ungefähr einem Meter Abstand zu Kamikaze Katze und mir.
Es bleibt mitten auf der Straße stehen und glotzt uns interessiert an.
Es ist schrecklich niedlich und ich glaub, außer Katzen hab ich noch nie ein so hübsches Kerlchen gesehen.
ABER HABEN IN DIESER STRASSE DENN IRGENDWIE ALLE VIECHER DEN ÜBERLEBENSINSTINKT VON DREI METERN FELDWEG???
Innerhalb einer Millisekunde ist Madame Blind &Taub nur noch angespannter Muskel, 1000% Aufmerksamkeit und eine Killing Machine auf vier Pfoten.
„Buddy- an deiner Stelle würd ich jetzt ganz fix nen Abflug machen!“, raune ich dem Kerlchen zu, der immer noch da steht und uns mustert.
Das zeigt allerdings wenig Wirkung und ich wiederhole meinen Rat, diesmal eindringlicher und lauter:
„Abflug! Leine ziehen! Verduften! Die Fliege machen! Sich verdünnisieren. Got it??“
Killer Cat, ohne auch nur das geringste Anzeichen von Blind-oder Taubheit- ihre Ohren sind auf das Objekt der Begierde gerichtet und ein Rascheln im Gebüsch nahebei wird sofort registriert- macht sich zum Absprung bereit.
Oh nein, kein Mord auf offener Straße in meiner Anwesenheit!
Wir sind hier doch nicht bei den Hottentotten.
Ich stehe auf und Mr. -oder vielleicht auch Mrs- Wiesel kapiert nun- ganz im Gegensatz zu Madame bei den Autos- dass bei solchen Größenordnungen wohl doch besser die Brombeerhecke der besser geeignete Aufenthaltsort ist.
Es huscht davon, was die Katze umgehend zu einem heimtückischen Mordanschlag veranlasst, dem das entzückende kleine Wesen grade so entgeht.
Zustände sind das hier.
Ich werfe KK (Killer-Kamikaze-Katze), die nun vor dem Brombeer-Gebüsch Stellung bezogen hat, noch einen Blick zu und gehe weiter.
„De passn scho af!“, ruft mir eine ältere Frau aus ihrem Vorgärtchen zu, die das Ganze beobachtet hat.
Ich weiß nicht, ob sie die Autofahrer oder Katzen im allgemeinen meint.
Zwanzig Minuten später bin ich beim lädierten Motorrad angelangt und schwinge mich aufs Gefährt.
Fahre langsam los und bremse zum Test, wie gut der abgebrochene Bremshebel noch funktioniert.
Geht.
Prima.
Knatternd fahre ich zurück, passiere KK, die immer noch vor dem Gebüsch hockt und das lautstarke Gefährt selbstredend keines Blickes würdigt und erreiche schließlich die Zufahrt zum Hof, die steil bergab führt.
Man ahnt es schon:
Die Bremse ist wohl doch lädiert und trotz energischem Betätigen wird das Moped schneller statt langsamer.
Die Existenz der Hinterrad-Bremse ist aus unerfindlichen Gründen aus meinem Gehirn gelöscht, womöglich weil das Gefühl, fast ungebremst mit 30 Sachen in den Hof zu brettern und entweder in die alte Linde oder mein geparktes Auto zu krachen, so gruselig ist, dass mein logisches Denken sich in Luft aufgelöst hat.
Zudem dauert das Ganze tatsächlich nur Sekunden.
Unheimlich.
Spannenderweise entscheidet irgendetwas in mir von alleine, während mein Gehirn noch überlegt, was zu tun sei.
Ich lenke das Bike um mein geparktes Auto herum, wo eine leichte Steigung ist und rase direkt auf die Hausmauer zu. Ein lautes Fluchen- und bevor das Bike an die Mauer kracht, springe ich ab.
Ein paar blaue Flecke, ein entsetzter Sohnemann und eine kalte Dusche später nippe ich an einem Eiskaffee und grinse.
Ich fühle mich- lebendig.
Herrlich lebendig.
Und jetzt schnappe ich mir Pinsel und Farbe und male an meiner großen Leinwand weiter.
Keine Moral der Geschicht, keine tiefgehenden Erkenntnisse, keine Rettungsaktion, noch nichtmal ein erlösendes Gewitter.
Sondern das ganz alltägliche, wunderbare Wunder von Da-Sein:
Gluthitze.
Beinahe- und tatsächliche Unfälle.
Katzenschnurren.
Sein lassen.
Stechmücken und Vorfreude aufs Gewitter.
Eiskaffee und kalte Duschen.
Der Duft von gemähtem Gras und ratternde Traktoren.
Und Beobachten, wie man unweigerlich über sich selbst hinauswächst, wenn man sich in Ruhe wachsen lässt.
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